(Foto: eigenes Archiv)

Das Drama der Wechseljahre

"Was vor uns liegt und was hinter uns liegt ist eine Kleinigkeit zu dem, was in uns liegt."

Henry David Thoreau

 

Anfang 40 registrieren Frauen, dass sich physisch einiges verändert: der Körper verliert seine Elastizität, die Haut wird trockener, die ersten Falten zeichnen sich um die Augen ab, die ersten grauen Haare entdecken wir morgens im Spiegel. Ein Jahr später, wir haben uns daran gewöhnt, die Haare zu färben, vielleicht mehr Sport zu treiben und manch eine denkt an ihre erste Schönheitsoperation. Dann ändert sich der Rhythmus der Menstruation: die Blutung kommt in unregelmäßigen Abständen, manchmal wird sie stärker, manchmal schwächer sein. Myome kommen und gehen, meist nicht von selbst, und werden deshalb operiert oder ihr Wachstum steht zumindest unter Beobachtung. Die Zeit der Wechseljahre hat begonnen und damit die Zeit der Wandlungen.

Meines Erachtens spricht kaum eine Frau darüber, genauso wenig wie über Geburten und Probleme nach der Geburt wie z.B. postnatale Depressionen. Dabei sind das ebenfalls ganz große Themen.

Frau nimmt also still schweigend hin, dass sie jetzt schlechter schläft und wenn sie etwas über ihre Hitzewellen spricht, verdrehen andere Frauen schon innerlich die Augen und versuchen auf ein anderes Thema abzulenken.

Die meisten Frauen verdrängen allerdings, dass sie sich in der prämenstrualen Phase befinden, obwohl sie schon längst viele Symptome aufweisen, doch diese werden mit anderen Lebensumständen erklärt. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie Hitzewallungen bekommen und der Hormonspiegel nun endlich sagt: ja, du bist in den Wechseljahren. Der Frauenarzt klopft einem nun wissend auf die Schulter und versucht mit den Worten aufzumuntern: wird schon wieder! Ja, was wird schon wieder? frage ich mich.

Doch wie kann ein Frauenarzt wissen, wie es mir ergeht mit meinem Wandel der Jahre?

Ich frage mich schon lange, warum die Domäne der Gynäkologie immer noch hauptsächlich mit Männern besetzt ist: Was empfinden Männer dabei, wenn eine Frau in der erniedrigenden Haltung der gespreizten Beine vor ihnen liegt und der Mann mit irgendwelchen eiskalten Metallwerkzeugen an dem intimsten Bereich der Frau herum vorwerken, ja, operieren darf und dabei noch nicht einmal eine äußerliche Wunde sichtbar sein wird? Ich habe sehr selten von Urologinnen gehört, die ähnliche Handlungen am Mann vornehmen. Obwohl allein die Vorstellung mir Genugtuung verschaffen würde.

Böses Mädchen, ich!

Also noch einmal: Wie kann ein Frauenarzt wissen, wie es mir ergeht mit meinem Wandel der Jahre? Ich verstehe schließlich genauso wenig, wie man mit einer vergrößerten Prostata lebt! Doch mich fragt keiner, sondern im Labor nebenan wird mir Blut abgenommen, um den Hormonspiegel zu bestimmen. Sind dann die Ergebnisse da, wird mir ein Rezept in die Hand gedrückt und schon stehe ich ohne weitere Erklärungen wieder auf der Strasse. Spreche ich mit einer Freundin darüber, dann zuckt diese nur mit den Schultern und meint, dass es eben so ist und sie könne auch schon seit einiger Zeit nicht mehr schlafen. Daran und auch, dass ihre Blutung immer stärker und unregelmäßiger wird, müsste frau sich gewöhnen, so sind nun mal die Wechseljahre.

Doch ich möchte nicht schlechter schlafen, ich möchte mich ausgeruht fühlen und auf keinen Fall möchte ich depressiv werden. Mit grauen Haaren und Falten kann ich leben, aber mein Schlaf ist mir wichtig und mein Kind möchte ich auch nicht anknurren, nur weil ich eine depressive Phase habe.

 

Dennoch, was sind eigentlich die Wechseljahre?

Vor 80 Jahren kamen viele Frauen noch nicht einmal in den Genuss der Wechseljahre, denn sie lagen zu diesem Zeitpunkt schon unter der Erde. Die damalige Lebenserwartung lag bei 45 Jahren. Anfang der 50 -ziger Jahre bedeuteten die Wechseljahre mehr oder weniger das Ende des Lebens in vielen Aspekten, denn die Frauen, zumindest in Westdeutschland, standen nach vielen Jahren der Versorgung der Familie buchstäblich vor dem Nichts: der eigene Mann war ihnen fremd geworden, die Kinder lebten ihr eigenes Leben. In Ostdeutschland sah die Sache ein wenig positiver aus: zumindest bis zum Eintritt ins Rentenalter war die Frau ein vollwertiges Mitglied der arbeitenden Bevölkerung. Frau war komplett im Arbeitsprozess eingebunden und hatte keine Zeit darüber nachzudenken, warum sie so schlecht schlief und warum es ihr körperlich nicht gut ging. Frau wurschtelte sich hüben wie drüben durch, hatte ihre Durchhänger, Depression oder Todessehnsucht und eines Tages war es vorbei: sie war in einer neuen, ihrer Ruhezeit, angekommen.

Wechseljahre ist neben der postnatalen Depression ein ausgeblendetes Thema unserer heutigen Zeit. Ich sage unserer heutigen Zeit deshalb, weil die Frauen durch ihre hohe Lebenserwartung nun auch die volle Ladung ins Gesicht bekommen. Wie gesagt, früher war frau schon tot, bevor es richtig losgehen konnte, oder sie befand sich auf der Flucht im Krieg mit den verbundenen Symptomen einer nicht ausreichenden und ausgewogenen Ernährung. Dann verschoben sich die Wechseljahre nach hinten oder fanden abgeschwächt oder gar nicht statt.

 

 Zunächst kann davon ausgegangen werden, dass das Wort Wechseljahre genauso wie Menstruation oder “meine Tage“ in unserer Gesellschaft negativ besetzt ist. Es ist die Blutung, die Mann schmutzig empfand und noch heute empfindet.

So möchte frau nicht weinerlich erscheinen in einer Welt mit überwiegend patriarchalischen Strukturen, vielleicht weil frau eben von der Mama gelernt hat, die Zähne alle 28 Tage zusammenzubeißen. Es werden Objekte fleißig rein geschoben und davor gelegt, alle „Erfindungen“ von Männern, nur damit man nicht sieht, was gerade mit frau los ist. Zumeist steht der Freund neben einen und schaut verzweifelt auf ein Häufchen Elend, dass vor 2 Tagen noch munter durch die Gegend hüpfte. Dann ist er froh, wenn sie ihn aus dem Zimmer schickt, um allein zu sein.

Und auch die Wechseljahre sind negativ besetzt, da vielleicht auch der Mann dabei an seine Wandlung erinnert wird. Vielleicht ist seine Frau in den Wechseljahren wie ein Spiegel für ihn, in den er jeden Tag schaut. Wahrscheinlich ist, dass viele Frauen Anfang vierzig nicht wissen, was mit ihrem Körper geschieht.

 

Die Wechseljahre bestehen aus drei Teilen, die sich insgesamt über einen Zeitraum von etwa 20 Jahren erstrecken. Um das 40. Lebensjahr beginnt die Prämenopause, die individuell einige Jahre dauern kann. Dann kommt die eigentliche Menopause, die oft um das 50. Lebensjahr einsetzt, deren genauer Zeitpunkt sich aber erst im Nachhinein bestimmen lässt, da für manche Frauen die Periode nach einigen Monaten des Ausbleibens, wieder regelmäßig einsetzt. Erst wenn die Periode zwölf Monate lang ausgeblieben ist, kann davon ausgegangen werden, dass keine Blutung mehr eintritt. Diese Zeit wird in der westlichen Welt auch Klimakterium genannt und kennzeichnet die Phase, in der sich das Gleichgewicht der Hormone neu einpendelt. Die Zeit danach wird als Postmenopause gekennzeichnet und steht in der westlichen Welt dafür, dass frau jetzt gewechselt ist: von der dynamischen Welt für Junge und Junggebliebene in die Welt der Alten. Ganz offiziell. Auf Wiedersehen, Good bye, Au revoir, Arriverderci! See you later later, alligator, im Reich der Toten!