(Foto: eigenes Archiv)

Die Philosophie der Wechseljahre

"Es gibt nur eine Zeit, in der es wesentlich ist aufzuwachen. Die Zeit ist jetzt."

 Buddha

 In der Mystik geht man davon aus, dass alle 7 Jahre für Männer, und alle 8 Jahre für Frauen, ein Wechsel der Lebensumstände stattfindet. Die Wechseljahre sind noch einmal ein besonderer Weckruf. Oft wird man aus gewohnten Strukturen förmlich heraus katapultiert. Es ist Zahltag. Wir bezahlen für unseren jahrelangen Schichtdienst mit Schlafstörungen, für unseren süßen Zahn mit extra Pfunden, die einfach nicht mehr weggehen, für das jahrelange seelische Ungleichgewicht mit hartnäckigen Hauterkrankungen und schlimmstenfalls mit Depressionen. Die Liste ist lang. Manche mögen sich mehr allein fühlen, die Kinder sind erwachsen und brauchen unsere Hilfe kaum noch. Dabei hatten sie vorher ein ganzes Stück von unserem ICH besetzt. Das bricht nun weg.

Wenn nun auch noch ein oder beide Elternteile sterben, dann wird es für die Meisten ganz hart, denn dann hören sie auf, Kinder zu sein. Sie sind dann nicht nur plötzlich die Alten, sondern mit einem Schlag wird ihrem Leben eine Grenze gesetzt, die nun ‚sichtbar’ ist. Da muss frau erst einmal heftig schlucken, wenn sie sich das vorstellt, oder?

Häufig kommt es noch zu Scheidungen und/oder frau verliert den Job. Verlust, Trennung und/oder Tod können die äußeren Lebensumstände sein. Dazu kommen dann noch die körperlichen Veränderungen, die recht frustrierend sein können. Das alles zusammen ergibt einen gewaltigen Sprengstoff und wer sich nicht damit auseinandersetzt, knallt irgendwann ordentlich aus oder gibt den Kampf auf und wird depressiv.

Die Welt in der wir leben ist meiner Meinung nach ‚nur’ die Widerspiegelung des Inneren eines Menschen (oder der Menschen) auf seine äußere Welt, was nichts anderes heißen soll, dass was und wie wir innerlich fühlen, tragen wir mit unseren Worten und Taten nach außen. Die unsrige äußere Welt haben wir uns geschaffen, in dieser leben wir als ein Teil von einem großen Ganzen. Soweit, so gut auch für Nichtesoteriker- und Pragmatikerinnen, darin dürften sie ebenfalls übereinstimmen.

Bleibt die äußere Welt eine materielle, eine Welt mit der rastlosen Jagd nach Sex, drugs and Rock’n Roll und Guccitaschen, dann darf wohl im Rückschluss angenommen werden, dass es sich um einen geistlosen Menschen handelt. Wobei geistlos hier nicht mit dumm gleichzusetzen ist, sondern einem Fehlen von Selbstreflexion. Alle Anderen werden sie spüren, die aufkommende Wutgefühle und/oder diffusen Ängsten. Da steht man/frau da und findet nur schwer eine richtige Erklärung. Erst jetzt bemerken wir, wie wir die Bedürfnisse und Wünsche unseres Ichs meist zugunsten Anderer oder zugunsten der Jagd nach Macht und Geld fast tot getrampelt haben. Nun kommt es hoch, bricht aus uns raus, bahnt sich seinen Weg, ob Mann oder Frau.

Wir verursachen also selbst unsere eigene Krise und der körperliche Wechsel setzt dem Ganzen noch ein Krönchen auf. Kompromisse, die aus unserer Bequemlichkeit resultieren, Abhängigkeiten, die wir im Laufe unseres Lebens eingegangen sind, ja, starke Gefühle von Einsamkeit und tiefen Schmerz von Verlusts, Angst und Trauer, schießen aus uns heraus. Der Verlust von nicht gelebten Chancen, die Angst des Nichtangenommenwerdens und des Alleinseins und die tiefe Trauer eines fast fremd bestimmten Lebens. Nun ist die Zeitpunkt der Neuorientierung und geistigen Menschwerdung gekommen.

Was heißt „geistige Menschwerdung“?

Vielleicht kann man sich die geistige Menschwerdung so vorstellen: mit der körperlichen Geburt werden wir in den geistigen Geburtskanal gestoßen, das Leben ist also eine lebenslanger Geburtsvorgang, die darauf folgende geistige Geburt ist gleichzeitig unser körperlicher Tod.

Diesen Gedanken verkörpern im Grunde genommen alle Religionen, wenn man ihre Hüllen weglässt und nur in ihr geistig Inneres dringt. Natürlich muss man keiner Religion angehören, um die geistige Geburt zu erleben. Doch gibt Glaube generell Halt, einen roten Faden, an dem man sich lang hangeln kann.

Letztendlich weisen alle Glaubensrichtungen in die gleiche Richtung: dem Ganzwerdung des Menschen. Die Zeit der Wechseljahre kann dafür da sein, die geistige Geburt voran zu treiben, da sie uns mit der Nase direkt darauf stoßen. Ob wir diese Herausforderung an nehmen, liegt an uns. Doch soweit ich das zu diesem Zeitpunkt einschätzen kann, sollte frau das auch tun, da sonst die Gefahr des Gefühl eines sinnentleerten Lebens gelebt zu haben, groß ist.

Die innere Wirklichkeit zu entdecken bedeutet, sich von der Widerspiegelung durch die materielle Welt zu lösen. Alles, was wir zur geistigen Menschwerdung brauchen ist schon in uns vorhanden, doch oft erheblich getrübt. Ich persönlich glaube, dass die Meisten vor uns Angst davor haben, denn es ist die Wahrnehmung der Welt auf einer komplett anderen, nicht fassbaren Ebene. Das drückt frau und mann gern weg.

Doch die Sehnsucht nach dieser geistigen Vereinigung mit dem Universum, die ist in uns von Geburt aus vorhanden. Nur wird sie falsch interpretiert: Wir suchen diese Ganzheit in dem Partner und vielleicht drückt sich das umgangssprachlich in der Formulierung aus, wenn manche von uns von ihren sogenannten besseren Hälfte sprechen. Auch in der sogenannten sexuellen Vereinigung ist die Sehnsucht des Einswerdens tief verwurzelt. Vielleicht kann uns der richtige Partner auf diesem Weg zur Menschwerdung begleiten, doch irgendwann muss auch er uns loslassen, dann müssen wir allein weiter gehen.