Postnatale Depression: Meine Geschichte

Die Geburt war nicht einfach, aber welche ist das schon.

Die Meisten haben es in sich.

Die einzige Erinnerung, die mir über die Jahre blieb, abgesehen von den bestialischen Schmerzen, war das Gefühl, dass Sterben doch gar nicht so schlimm ist. Ich lag da, wie ein aufgeschnittenes Huhn, und dachte, okay, das war es. Macht’s gut!

Ich hatte schon vor der Geburt einen sehr niedrigen Eisenspiegel. Nach der Geburt war er dann von substituierten 10 auf 7,8 gesunken. Ich konnte keine 2 Schritte allein laufen, dann kippte ich schon aus den Schuhen. Gegessen habe ich wie ein Wolf, und zwar alles, dessen ich habhaft werden konnte. Das änderte sich auch zu Hause nicht. Leider dauerte es meist morgens, eh ich die ersten 5 Croissants gierig in mich hinein stopfen konnte. Carl musste eben erst versorgt sein. Carl saugte mir das bisschen Lebenskraft in den nächsten 9 Monaten völlig aus. Stillen hätte nach meiner schweren Geburt eigentlich keine Alternative sein sollen, aber in unseren heutigen Zeit ist das Stillen müssen schon zur Obsession geworden. Mein Kind sah aus wie Buddha, die Mutter konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Doch ich dachte, das ist alles normal. Es sagt einem ja auch niemand etwas Gegenteiliges, nicht der Arzt, und auch nicht die Hebamme.

Niemand!

Hohlwangig und mit tiefen schwarzen Augenringen hangelte ich mich nach etwa 6 Wochen nach der Geburt durch mein neues Leben und versuchte zu Überleben. Ja, es war nicht anderes als ein Überleben, das mit jedem Tag anstrengender wurde, denn nun schlief ich nachts kaum noch. Carl brauchte nur etwas tiefer einzuatmen, schon stand ich nachts kerzengerade im Bett und mein Herz schlug mir bis zum Hals. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Irgendwann kamen dann die Mordgedanken ..., wenn ich meinem Baby das Kissen aufs Gesicht drücke, dann kann ich endlich ausschlafen.

Der Gedanke war sehr verführerisch. Ich wachte damit auf und ging damit ins Bett. Jeden Tag. Noch heute fühle ich mich schlecht, dass ich solche Gedanken hatte, denn jeden Morgen strahlte mich mein Kind an und seine Mutter schaute stumpfsinnig zurück. Irgendwann tat mir der kleine Wurm leid, er konnte doch nichts für seine unfähige Mutter und so begann ich, meine eigenen Selbstmordgedanken umherzutragen. Jeden Tag 24 Stunden, 7 Tage die Woche mindestens 10 Monate lang. Dann wurde es etwas besser, ich hatte mit Stillen aufgehört, aber schlafen konnte ich immer noch nicht gut. Doch wenigstens 6 Stunden die Nacht. Vorher waren es maximal 4 Stunden. Es sei zu erwähnen, dass ich erst neun Monaten nach der Geburt mit Stillen aufhörte.

Ich aß immer noch wie ein Wolf. Manchmal hatte ich das Gefühl, ich kann das Essen nicht schnell genug heranschaffen und in mich hinein stopfen. Trotzdem nahm ich weiter ab, ich konnte mein Gewicht kaum auf ein normales Maß halten, also wie vor der Schwangerschaft. Ich wog mit 1,78 etwa 60 Kilo, manchmal auch darunter.

Dazu kam natürlich die Anforderungen eines Haushaltes, ein Mann, der Essen und Sex wollte.

Ich hatte das Gefühl, alle zuppeln an mir, oben saugt das Kind, unten will der Typ Sex. Ich fühlte mich ausgelaugt, ausgesaugt und vor allem benutzt wie eine on-off Maschine. Ich war zerstreut, konnte mich kaum konzentrieren und allein der Gedanke aufzuräumen, ließ mich Heulen oder machte mich rasend vor Wut. Überhaupt dieser Schmerz unterhalb des Rippenbogens, unerträglich. Ich akupunktierte mich wie verrückt, doch es half nichts. Dennoch dachte ich, dass das alles normal sei.

Meine Rettung begann, als ich wieder zu arbeiten anfing. Ich kam zu einem raus aus meinem Mikrouniversum und ich traf endlich auf andere Menschen und Mütter. Das erste Jahr war zwar kein Zuckerschlecken, noch immer fiel es mir schwer, mich zu konzentrieren. Oft vergaß ich wichtige Termine und verlor deshalb beinahe meinen Job. Außerdem war ich ständig krank, Nasennebenhöhlenentzündung, Bronchitis und viele andere Krankheiten, die mir zum Teil völlig fremd waren.

Ich begann regelmäßiger Sport zu treiben und hatte etwas Zeit für mich, weil Carl einige Stunden in die Krippe vormittags ging. Ich hatte einige Monate nach der Geburt schon mit Yoga und Kickboxen angefangen und die Bewegung trug maßgeblich dazu bei, dass ich mich langsam wohler fühlte. Auch Schlafen konnte ich besser, aber ich habe nie wieder zu meinem normalen Schlafrhythmus zurückgefunden, da ich kurze Zeit nach dem Ende der Depression in die Vorphase der Wechseljahre trat.

Schließlich musste ich noch eine fiesen Untersuchung am Herzen über mich ergehen lassen, da mein Arbeitgeber darauf bestand, denn ich hatte bei der Wiedereinstellungsuntersuchung eine Menge Extrasystolen beim BelastungsEKG.

Das ich endlich mit meiner postanatalen Depression durch war, diese Erkenntnis kam im Nachhinein, nachdem ich im Dezember 2012 endlich wieder an Gewicht zu nahm und zwar recht zügig. Die Diagnose postnatale Depression wurde von keinen meiner Ärzte, Haus- oder Frauenarzt, je gestellt, obwohl ich allen meine offensichtlichen Symptome immer wieder herunter betete: Herzrasen, Extrasystolen, Schlaflosigkeit, Vergesslichkeit, RR 60|80, Stimmungsschwankungen von extrem wütend bis zu weinen aus nichtigen Gründen wie ein Schlosshund. Ich kam mir die ganze Zeit unzureichend und schwächlich vor.

Wichtig scheint mir an dieser Stelle noch zu erwähnen, dass ich eine unbändige Wut in mir trug, die erst durch das Kickboxen erträglicher wurde. Die Wut auf die Welt, an meine Umgebung, meine Familie, meinen Partner, von denen ich mich komplett im Stich verlassen fühlte. Erst jetzt im Nachhinein ist mir klar, dass ich Hilfe wollte, mir aber schwer gefallen wäre, Hilfe anzunehmen. Denn das wäre das endgültige Urteil über meine Unzulänglichkeit und Unfähigkeit gewesen. Für mich, in meinem Kopf.

Ein Artikel in der Zeitschrift Brigitte aus dem Jahr 2012 brachte die langersehnte Diagnose und das Bewusstsein, du bist nicht verrückt oder nicht belastbar, du bist krank gewesen. Es war eine unglaubliche Erleichterung für mich, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt, 28 Monate nach der Entbindung, wieder gesund war.

Fazit: Eine Depression ist eine harte Krankheit, man sieht nichts, doch der Mensch existiert kaum und ist nur vorhanden in seiner Hülle. Ich kann verstehen, wenn sich depressive Menschen unerwartet das Leben nehmen. Das geschieht nicht vorsätzlich, es ist wie ein Getriebensein in die endgültige, einzig sichtbare (Er) Lösung.

Aus heutiger Sicht würde ich Betroffenen raten, am Anfang Medikamente zu nehmen und gleichzeitig mit Kräutern und Akupunktur zu beginnen (oder Homöopathie).